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Johannes Reuchlin (Dr. Wolfgang Knellessen)


Johannes Reuchlin wurde am 29. Januar 1455 in Pforzheim geboren. Seiner Geburtsstadt fühlte er sich zeitlebens besonders verbunden: viele seiner lateinischen Bücher und Briefe zeichnete er mit seinem Humanistennamen Capnion, was im griechischen „der kleine Rauch” oder das „Räuchlein” oder eben Reuchlin hieß, dem er meist seine Herkunft „phorcensis”, also aus Pforzheim anfügte. Sein Vater Georg war der weltliche Verwalter des Pforzheimer Dominikanerklosters zu St. Stephan. Nach der Elementarschule und der Lateinschule dortselbst ließ sich der 15jährige 1470 an der Universität Freiburg immatrikulieren. Drei Jahre später reiste er zum ersten Male nach Paris, und zwar als Begleiter des dritten Sohnes Friedrich von Markgrafen Karl I. von Baden.

 


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Epitaph Johannes Reuchlins von 1501 im Chor der Kirche
 

Johannes Reuchlin (2)


Er studierte dort Philosophie, Grammatik und Rhetorik und begann mit Rudolf Agricola das Studium der griechischen Sprache. 1474 ging er mit seinem Lehrer Johann Heynlin vom Stein an die Universität Basel, wo er ein Jahr danach das Bakkalaureat ablegte. Mit dem Magister artium übernahm er 1477 eine erste akademische Lehrtätigkeit. Seine erste noch anonyme literarische Arbeit entstand, das „Vocabularius breviloquus” , das 1478 in Basel erschien. Das lateinische Wörterbuch gehörte zu den meistbenutzten Nachschlagewerken der Zeit und erlebte 1504 seine 25. Auflage. Ende 1477 reiste er zum zweiten Mal nach Paris, wo er mit dem Studium der weltlichen Rechte begann und seine griechischen Studien fortsetzte.

 


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Reuchlin-Kopf aus dem 19. Jt.
 

Johannes Reuchlin (3)


In Orleans (Januar 1479), lehrte er dann griechisch und machte sein juristisches Bakkalaureat. Im Herbst 1480 wechselte er an die Universität Poitiers. Dort schloß er 1481 seine juristischen Studien mit dem Lizentiat ab.
Ende 1481 holt Graf Eberhard im Barte den glänzend ausgebildeten Mann mit großen rhetorischen Fähigkeiten und besten Latein-
kenntnissen an den Stuttgarter Hof, wo er als Ratgeber, Geheimschreiber und Orator in seiner Kanzlei arbeitete. Von Februar bis April 1482 begleitete Reuchlin Graf Eberhard auf seiner Reise nach Rom. Er verhandelte dort mit Papst Sixtus IV. über Existenz und Organisation der Universität Tübingen, die Eberhard 1477 gegründet hatte. Entscheidende Einflüsse erhielt er durch seine Studien und Begegnungen in Rom und Florenz.

 


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Porträt aus J. Brucker: Ehrentempel der Deutschen Gelehrsamkeit, Augsburg 1747
 

Johannes Reuchlin (4)


Ende des Jahres 1482 schrieb er sich an der Universität Tübingen ein, wo er wohl auch als Sprachlehrer tätig war. 1484 wurde er zum Doktor des „kaiserlichen Rechts” promoviert.
In Stuttgart, seit 1483 gräfliche Residenz, ließ er sich nieder und blieb dort Bürger bis zu seinem Tod 1522. Er arbeitete als vielbeschäftigter Anwalt, war Beisitzer am württembergischen Hofgericht, der obersten Instanz in bürgerlichen Rechtssachen, und trieb seine wissenschaft-
lichen Forschungen mit großer Energie weiter. Durch die Heirat mit einer Tochter des wohlhabenden Hänslin Müller aus Ditzingen fiel ihm reicher Landbesitz an Äckern und Weinbergen zu. Wohl 1486 nahm er den ersten Unterricht im Hebräischen.

 


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Büste Reuchlins von Emil Salm, Pforzheim
 

Johannes Reuchlin (5)


1490 reiste er zum zweiten Male nach Italien und blieb dort fast ein Jahr. Er traf unter anderen Demetrius Chalkondyglas, den ersten Heraus-
geber Homers, und vertiefte seine Studien des Griechischen und des Hebräischen. Er befreun-
dete sich mit dem jungen Grafen Giovanni Pico della Mirandola, dem Verfasser der berühmten Schrift „Über die Würde des Menschen”. Dieser wies ihn auf die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, hin, die fortan maßgeblich Reuchlins wissenschaftliches und politisches Leben bestimmen sollte. Er nannte Pico später den „gelehrtesten Mann unseres Zeitalters”.
1492 reiste er für längere Zeit im Auftrag Eber-
hards im Barte an den kaiserlichen Hof zu Linz, wo er von Kaiser Friedrich III. die Bestätigung für einen zwischen den württembergischen Grafen abgeschlossenen Hausvertrag erzielte.

 


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Pico della Mirandola
 

Johannes Reuchlin (6)


Wieder nützte er die politische Mission für seine Wissenschaft, indem er Kontakt mit dem Linzer Humanistenkreis aufnahm, und bei dem jüdischen Leibarzt des Kaisers, Jakob ben Jechiel Loans, Unterricht im Hebräischen nahm. Bei diesem Aufenthalt erhob Kaiser Friedrich III. Reuchlin in den erblichen Adelsstand, von dem er nie Gebrauch machte, und verlieh ihm das kleine Palitinat.
Zwei Jahre später erschien der schon erwähnte erste philosophische Dialog „De verbo mirifico” oder „Vom wundertätigen Wort”, das vorläufige Ergebnis seiner kabbalistischen Studien. 1495 schenkte er Eberhard im Barte anlässlich der Ernennung zum Herzog von Württemberg die erste Übersetzung des „12. lukianischen Totengesprächs” vom Griechischen ins Deutsche.

 


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Graf Eberhard im Barte
 

Johannes Reuchlin (7)


Am 24. Febr.1496 starb Herzog Eberhard im Barte. Reuchlin ging nach dem Regierungsantritt Eberhards des Jüngeren ins politische Exil, um sich vor den Nachstellungen des Günstlings Konrad Holzinger zu schützen. Er war für drei Jahre Gast des Wormser Bischofs Johannes von Dalberg in Heidelberg, dem führenden Kopf des dortigen Humanistenkreises. Es war eine unbeschwerte Zeit, voller Anregungen, ein Leben in Freundschaft und Heiterkeit. Hier entstand als erstes lateinisches Schuldrama die Komödie „Sergius sive Capitis caput”, eine satirische Verhöhnung des Reliquienkultes und ein Angriff gegen die Herren in Stuttgart, derentwegen er ins Exil gegangen war. Am 31. Januar 1497 wurde von Schülern im Hause Dalberg sein zweites Humanistendrama „Scaenica progymnasmata”, auch „Henno” genannt, uraufgeführt.

 


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Unterschrift Reuchlins in einem Brief von 1501
 

Johannes Reuchlin (8)


Diese Komödie basierte auf der italienischen Comedia del’arte, wurde weithin bekannt durch die Übersetzung und Bearbeitung des Hans Sachs und übte auf die Theatergeschichte eine große Wirkung aus. Im selben Jahr ernannte ihn der pfälzische Kurfürst Philipp der Aufrichtige zum Hofmeister seiner Söhne mit stattlichem Gehalt. In dessen Auftrag reiste er im Sommer 1498 als fürstlicher Rat zum dritten Male nach Italien. Nach dem Sturz Herzog Eberhard des Jüngeren durch die Stände (1498) kehrte Reuchlin 1499 aus dem Exil nach Stuttgart zurück und wurde in die alten Würden wieder eingesetzt. Bald darauf starb seine Frau, die in Stuttgarts Dominikanerkloster, der heutigen Hospitalkirche, beigesetzt wurde. Die Ehe war kinderlos.

 


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Das Wappen Reuchlins
 

Johannes Reuchlin (9)


Wichtige politische Ämter erfüllten Reuchlins berufliches Leben. Von 1501 bis 1509 war er Vertreter des Herzogs von Württ. am Reichskam-
mergericht zu Speyer und 1502 zu einem der drei obersten Richter des „Schwäbischen Bundes” gewählt, ein Amt, das er bis 1513 in Tübingen neben seinen anwaltlichen und wissenschaft-
lichen Tätigkeiten in Stuttgart ausübte. In dieser Zeit heiratete er Anna Decker, aus begüterter Familie. Ein einziges Kind aus dieser Ehe starb in jungen Jahren. Vor der Pestepidemie in Stutt-
gart floh die Familie 1502 ins Kloster Denken-
dorf zum Gastgeber Probst Peter, dem er 1504 als Dankgeschenk das „Liber Congestorum de arte praedicandi”, das sind Predigtanweisungen im Sinne der Rhetorik, widmete. Ein Jahr später erschien seine Schrift „Tütsch missive, warumb die Juden so lang im ellend sind”.

 


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Kolorierte Ansicht von Denkendorf aus dem Kieser'schen Forstlagerbuch von 1684 (Hauptstaatsarchiv Stuttgart)
 

Johannes Reuchlin (10)


Wieder ein Jahr später erschien sein hebräistisches Hauptwerk „De rudimentis hebraicis” (Einführung in das Hebräische). Es war die erste systematische Einleitung in das Studium der hebräischen Sprache. Es galt der „heiligen Sprache”, dem „dicendi genus, quale os dei locutus est”, der Sprache also, die Gott selbst gesprochen hat. Dabei kam erneut Reuchlins wichtigster wissenschaftlicher Grundsatz, Grundsatz der ganzen Renaissance, zum Ausdruck: zurück zu den Quellen.
Es war im Jahre 1509. Reuchlin lebte schon fast ein Vierteljahrhundert in Stuttgart. Er wohnte im Zentrum der Stadt, unmittelbar benachbart dem Chor der Kirche „Zum Heiligen Kreuz”, wie die Stiftskirche dazumal hieß, da also, wo heute der wiederaufgebaute schöne Fruchtkasten steht, am Schillerplatz.

 


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Philipp Melanchthon, ein Großneffe Reuchlins - Reuchlin hatte mit für Melanchthons humanistische Ausbildung gesorgt
 

Johannes Reuchlin (11)


In diesem Haus besuchte ihn eines Tages in jenem Jahr ein merkwürdiger, ihm bis dahin unbekannter Mann. Es war Johannes Pfefferkorn aus Köln.
Der seltsame Gast suchte einen Bundes-
genossen für ein verruchtes Vorhaben. Er hatte – selbst vor einigen Jahren vom Judentum zum Christen konvertiert – schon mehrere anti-
judäische Schriften mit Hilfe der Kölner Domini-
kaner eröffentlicht. Durch ihre Unterstützung gelang ihm sogar der Zutritt zu Kaiser Maximilian I. Dessen Mandat, am 19. August 1509 in Padua ausgefertigt, erlaubte es Pfefferkorn, in Anwesenheit eines Pfarrers und zweier Beamten in den jüdischen Gemeinden des Reiches alle hebräischen Schriften einzusehen. Sollten sie gegen den christlichen Glauben gerichtet sein, könne er die Bücher einziehen und vernichten.

 


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Radierung von Alfredo Ammann ...und trotz allem sind sie Brüder... (1986)
 

Johannes Reuchlin (12)


Das Mandat war unmissverständlich und bedrohte die Juden mit schweren Strafen für Leib und Gut. Pfefferkorn präsentierte Reuchlin den kaiserlichen Freibrief und rechnete mit dessen Hilfe bei der Verfolgung der Juden und ihrer Schriften. Reuchlin erzählt in seinem „Augenspiegel” packend von dieser Begegnung und ihrem Ziel.
Pfefferkorn wollte nämlich, „dass ich dann mit ihm hinab an den Rhein reiten sollte, ihm das Mandat wider die Juden vollstrecken zu helfen. Das hab ich ihm eigner Geschäfte wegen abgeschlagen. Und habe beigefügt, man werde auf das Mandat nichts geben.” Reuchlin wies auf „etliche Gebrechen und Mängel” hin, „die ich ihm auch mit dem Finger gezeigt hab.”
Der fanatische Konvertit begann trotzdem sein schreckliches Handwerk:

 


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Titelseite des "Augenspiegel"
 

Johannes Reuchlin (13)


1500 jüdische Schriften habe er konfisziert, prahlte er später selbst. Aber der Mainzer Erzbischof gebot rasch Einhalt. Erneut musste Maximilian entscheiden. Er beauftragt den Erzbischof, sich mit einer Gruppe von Experten zu beraten. Dazu kam es nie, und Pfefferkorn rumorte in allerlei judenfeindlichen Schriften weiter, allerdings ohne etwas zu erreichen. Ganz im Gegenteil: Er musste laut einem neuen Mandat des Kaisers den Juden einstweilen die Bücher wieder zurückgeben. In einem vierten Mandat forderte der Kaiser nun den Mainzer Erzbischof auf, von den Universitäten Mainz, Köln, Erfurt und Heidelberg und drei weiteren Gelehrten, darunter Johannes Reuchlin, schriftliche Gutachten einzuholen. Reuchlin erhielt diese Anordnung am 24 August 1510.

 


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Kaiser Maximilian, Gemälde Albrecht Dürers
 

Johannes Reuchlin (14)


Er setzte sich unverzüglich ans Werk und schloß schon sechs Wochen später seine Arbeit, die Geschichte machen sollte, ab.
Sein Verdikt war eindeutig und in sich schlüssig. Er argumentierte nicht verschwommen allgemeinverbindlich, sondern juristisch und philologisch messerscharf. Auch seinem ungebetenen Gast vom Vorjahr wies er in dessen Schrift „Judenfeind” Schlampereien, wenn nicht böswillige Unterstellungen und Manipulationen nach. Reuchlin schloß seinen „Ratschlag, ob man den Juden alle ire bücher nemmen, abthun und verbrennen soll” mit dem Urteil: „Das man der Juden Bücher nit soll verbrennen, und das man sie durch vernünftig disputationen senftmüttiglich und güttlich zu unserm glauben soll mit der hilf gottes überreden.”

 


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Einblattdruck zur Verteidigung des "frumen Röchlin" von 1516
 

Johannes Reuchlin (15)


Reuchlin war der einzige der sieben Gutachter, der zu diesem Ergebnis kam. Es sollte ihn teuer zu stehen kommen. Die beschützenden Reihen der humanistischen Freunde in ganz Europa schlossen sich immer enger um ihn. Reuchlins Haltung blieb klar und selbstbewusst. Aber am Ende seiner Tage entschied die Römische Kirche inmitten der Wirren der Reformation endgültig gegen Reuchlin, der bis zum Tode – ähnlich wie Erasmus von Rotterdam – dennoch dem katholischen Glauben treu blieb. Ein päpstlicher Beschluß vom 23. Juni 1520 verbot sein Buch „Augenspiegel”, verdammte Reuchlin zu ewigem Stillschweigen und verurteilte ihn zur Übernahme der Prozesskosten, was den vermögenden Mann fast arm machte.

 


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Holzschnitt aus Huttens Schrift Triumphans Doc. Reuchlini von 1519
 

Johannes Reuchlin (16)


Der große Humanist würde auch heute mit seinem Plädoyer für die Verfolgten seine Wirkung nicht verfehlen, ich zitiere aus einem Gutachten: „Der jud ist unsers herrgots als wol als ich” und „Dann so die juden friden halten, so soll man sie auch mit friden lassen”. Verfolgung, Intoleranz, Mord und Morddrohungen, Terror allenthalben - kennzeichnet das alles nicht auch unsere Zeit? Wohl 1516, man sagt auch 1519, starb seine zweite Frau und wurde in der Leonhardskirche begraben. Ein Jahr später veröffentlichte Reuchlin sein wichtigstes Hauptwerk „De arte cabalistica, libri tres”.
1520 übernahm Reuchlin eine Professur für Griechisch und Hebräisch an der Universität Ingolstadt. Voller Stolz berichtete er, dass seine Vorlesungen von 300 Studenten besucht werden.

 


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Ausschnitt mit hebräischem Text aus "De arte cabalistica"
 

Johannes Reuchlin (17)


1521 kehrte er nach Württemberg zurück und unterrichtete Griechisch und Hebräisch an der Universität Tübingen. Am 30. Juni 1522 starb der große Humanist. Er ist an der Seite seiner Frau in der Leonhardskirche begraben.
Hier befindet sich seit 1955 auch das durch seinen Adel bezwingende Gelehrtenepitaph, das Reuchlin noch zu Lebzeiten im Jahre 1501 selber schuf: ein steinernes Dokument von der Wende zur Neuzeit, das schönste vielleicht hierzulande aus Renaissance und Vorreformation.
Von der Geschichte dieses Monuments wissen wir so gut wie gar nichts. Die Inschriften bedeuten: links oben in hebräischer Schrift die Worte „Olam Ha Chajim”, also „Ewiges Leben”, rechts oben in griechischer Schrift das Wort „Anastasis”, also „Auferstehung”.

 


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Olam Ha Chajim
 

Anastasis

Johannes Reuchlin (18)


Unter dem Bogen lesen wir den lateinischen Satz:


„ANN(O) CHR(ISTI) MDI SIBI
ET POSTERITATI CAPNIONIAE
IOANNES REUCHLIN
PHORCENSIS S(ACRUM)


”Im Jahre Christi 1501 hat Johannes Reuchlin aus Pforzheim für sich selbst und für die capnionische Nachwelt diesen Stein geweiht”
Über Sinn und Geschichte dieses in schöner Kapitalis gehauenen Monuments gibt es mehrere sich widersprechende wissenschaft-
liche Theorien. Schon die Frage, ob es sich um einen Grabstein handelt, ist strittig. Reuchlin entwarf den Stein 21 Jahre vor seinem Tod. Auch fehlen die auf Grabsteinen üblichen Angaben über den Tod von Angehörigen und Wünsche für eine „fröhliche Auferstehung”.

 


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Epitaph Johannes Reuchlins von 1501 im Chor der Kirche
 

Johannes Reuchlin (19)


Dieses und andere einleuchtende Gründe führten zu der Annahme, ursprünglich habe es nur den lateinischen Text unter dem Bogenfeld gegeben, und Reuchlin habe ihn wie einen römischen Hausstein an seinem Haus Stiftstraße 10 direkt gegenüber dem Chor der Stiftskirche als Hausinschrift angebracht (Leiva Petersen).
Andere, z. B. Hansmartin Decker-Hauff, gingen davon aus, der Stein habe sich von Anfang an im ehemaligen Dominikanerkloster, dem heutigen Hospitalhof mit der Hospitalkirche befunden, wo er 1944 zerstört wurde. Gustav Wais behauptete dagegen, Reuchlin habe wegen der unerbittlichen Verfolgungen durch die Kölner Dominikaner sich gegen das Dominikaner
kloster und für die Leonhardskirche als Grabstätte entschieden, was ja unzweifelhaft ist.

 


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Aus H. Pantaleon: Teutscher Nation Heldenbuch, Basel 1570
 

Johannes Reuchlin (20)


Darum habe sich auch sein Epitaph in der Leonhardskirche befunden. Von dort sei es wohl erst 1805 bei der Beseitigung des Leonhards-
friedhofs in die Hospitalkirche gebracht worden. Einiges spricht für die These von Leiva Petersen, vor allem aber die Tatsache, dass Johannes Schmid aus Marbach, der lange Pfarrer an der Leonhardskirche war, in seinem handschrift-
lichen Verzeichnis der Monumente in Stuttgarter Kirchen von 1640 dieses Monument weder in der Leonhardskirche noch in der Hospitalkirche erwähnt, wohl aber „Ein kleines Täfelin. Uf papir geschriben, an der Saulen.” Walther Ludwig hat es im Dezember 1996 in den Südwestdeutschen Blättern für Familien- und Wappenkunde sorgfältig verzeichnet. Es enthält ein schönes Abschiedsgedicht von Johannes Alexander Brassicanus. Dieses Epitaph ist verschollen.

 


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Das handgeschriebene Buch von Johannes Schmid von 1640
 

Johannes Reuchlin (21)


Fest steht, dass Reuchlins Humanistenepitaph im 19. Jahrhundert im Kreuzgang des Hospitalhofes stand. Denn 1871 umgab man es dort mit einer klassizistischen Umrahmung im Stil der Zeit, mit Sockel, der eine Aufschrift trug, einer Umrahmung mit kannelierten Säulen an den Seiten und einem halbkreisförmigen Aufsatz mit einem Porträt Reuchlins als Marmorrelief, das seinen Namenszug umgibt. In dieser Form wurde das Epitaph bei den Luftangriffen 1944 zerstört. Gustav Wais und seine Helfer haben es nach dem Krieg aus den Trümmern geborgen und wieder zusammengefügt. Dabei entschlossen sie sich – meines Erachtens zu Recht – die Umrahmung des 19. Jahrhunderts wegzulassen.

 


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Epitaph in der Gestaltung des 19. Jahrhunderts
 

Johannes Reuchlin (22)


Am 26. Februar 1955 zum 500. Geburtstag von Reuchlin übergab die Stadt Stuttgart in einer Feierstunde den Gedenkstein in die Obhut der Leonhards-Kirchengemeinde.Er befindet sich seitdem an dieser Stelle im Chor.
Vor einigen Jahren fand sich auch das Porträt-Medaillon im Stuttgarter Lapidarium wieder. Es wurde im vorigen Jahr von der Stadt in die Leonhardskirche gegeben, wo es hier in der Nähe des Epitaphs, aber bewusst nicht ihm zugeordnet, angebracht ist.
Übrigens sind alle Abbildungen Reuchlins idealisierte Phantasiebilder. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten um Reuchlin, dass alle bekannten Maler seiner Zeit Porträts der großen Humanisten und Reformatoren gemalt haben, aber nicht von Johannes Reuchlin.

 


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Johannes Reuchlin Zeichnung nach J. Brucker: Ehrentempel der Deutschen Gelehrsamkeit, Augsburg 1747
 

Johannes Reuchlin (23)


Es gibt nur einen Titelholzschnitt aus Straßburg von1521, also noch zu Lebzeiten Reuchlins, der die einzige lebensähnliche Abbildung ist.


Verfasser: Dr. Wolfgang Knellessen


Weitere Informationen über Reuchlin
erhalten Sie auf der Homepage der

{link to=http://www.stadt-pforzheim.de/portal/page?_pageid=123,50496&_dad=portal&_schema=PORTAL
ziel=neu}Reuchlin Forschungsstelle Pforzheim.


Predigt zur Eröffnung der Dauerausstellung Johannes Reuchlin - der Humanist

 


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Titelholzschnitt der Schrift: History von den fier ketzren Predigerordens, Straßburg 1521. Einzige wahrscheinlich authentische Darstellung Reuchlins